Gebetsglocken

Nie haben mich so viele Glockenaufrufe erreicht wie die letzten Tage: Um 12 Uhr sollen wir die Glocken läuten für den Frieden, um 19.30 Coronaläuten und um 21 Uhr ruft noch der Vatikan. Freilich, Kirchenglocken haben immer schon mal zu besonderen Notsituationen zum Gebet gerufen, aber dieser Flickenteppich von Zeiten und Glocken ist auch verwirrend – fragt mich doch tatsächlich eine Freundin vor ein paar Tagen auf Whatsapp, ob das jetzt schlimm wäre, wenn sie nicht alle Gebetszeiten mitbeten könne und welche jetzt die richtige wäre. Nun ja, Traditionen sind ja auch was wert und so läutet um 19 Uhr ganz traditionell unsere Glocke in Kipfenberg das Abendgebet ein: in Coronazeiten genauso wie zu allen Zeiten – übrigens im trauten Einklang mit den katholischen Glocken von Maria Himmelfahrt und vom Georgskirchlein, das immer einen kleinen Takt später beginnt. Schön finde ich, dass wir miteinander klingen – nicht jeder noch mal zu einer extra Zeit, wie wenn es ein Wettrennen im Gebetsläuten gäbe. Ich finde es auch ausreichend, einmal am Tag – den Anwohnern zuliebe – nicht zu oft und nicht zu lang laut. So bleibt das Abendläuten für mich ein hörbares und würdiges Signal, dass mal wieder ein Tag in Corona -Zeiten geschafft ist, dass Ruhe einkehren darf von Sorgen, von Mühen, die der Alltag derzeit macht, von der Angst, was noch kommen mag. Ein gläubiger Christ muss auch beim Beten und beim Glockenläuten nicht in Hektik verfallen. Wie früher bei der Feldarbeit signalisiert die Abendglocke, dass jetzt gut ist mit Müh und Plag und dass es da einen gibt im Himmel, der schon drüber wachen wird, dass das Leben behütet ist. Ich lade Sie alle ein, zuhaus, wo Sie auch immer sind – 19 Uhr – da läutet Ihre Glocke in Ihrer Kirche – vielleicht möchten Sie mitbeten… Pfarrerin Petra Kringel

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